Bericht im Stadtteil-Kurier des Weser-Kurier am 12. 9.
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Eine
Siedlung verschwand in den Fluten der neuen Ochtum
Das Huchting-Archiv erinnert an den Heidelmannskamp
Nichts erinnert heute mehr an eine ansehnliche Huchtinger
Siedlung von 16 Häusern mit etwa 70 Bewohnern. Sie stand fast 40 Jahre lang am
Heidelmanns-kamp, einer Straße, die heute in keinem Stadtplan mehr verzeichnet
ist. Da, wo heute Frösche und Wasservögel in einem beeindruckenden Flussbiotop
ihr Zuhause haben, wo sich tagtäglich Inlineskater und Radfahrer in der
künstlich geschaffenen Niederungslandschaft der Ochtum sportlich betätigen und
Wanderer Erholung finden, lässt nur noch eine Wetterschutzhütte am Anfang des
Heulandsweg erahnen, wo die Siedlung einmal gestanden haben mag.
Anfang der 30er Jahre hatte die
Treibhaussiedlungsgesellschaft am Heidel-mannskamp für 48 Goldpfennige pro
Quadratmeter Grundstücke angeboten, um - ähnlich wie wenige Jahre später im
benachbarten Grolland – der Bevölkerung nach holländischem Vorbild durch den
Anbau von Obst und Gemüse die Möglichkeit der Verbesserung ihres Lebensstandard
zu geben. 16 Familien machten in den Jahren 1932/1933 davon Gebrauch und bauten
sich schöne Häuser im sogenannten "Schweizer Stil".
Peter Koppo von der Geschichtsgruppe "Huchting-Archiv"
hat die Erzählungen der Nachkommen der damaligen Siedler aufgeschrieben, in
denen sie über ihre Kindheitserinnerungen berichten. Sie alle möchten die Zeit
der am Heidel-mannskamp verbrachten Jugend nicht missen, auch wenn aufgrund der
dort fehlenden Infrastruktur vieles sehr beschwerlich war. So schildert die
heute 70jährige Hanni im Sande ihren Schulweg zur alten Grundschule in
Kirch-huchting als das reinste Abenteuer, bei dem auf provisorischen Holzbohlen
die Wasserlöse überquert werden musste. Öffentliche Verkehrsmittel gab es
damals noch nicht. Fußmärsche und beschwerliche Radfahrten über unwegsames
Gelände machten das Erreichen von Schule und Arbeitsstätte nicht gerade
einfach.
Klaus Garves und Klaus Meyer wissen zu berichten, dass es
keinen Anschluss an das städtische Kanalnetz gab. Auch verfügten die Bewohner
der Siedlung über keinerlei Wasserleitungen. Selbstgebaute Fäkaliengruben,
Zisternen und geschlagene Brunnen waren die Alternativen.
Auch der Hauptzweck der Ansiedlung, nämlich der landwirtschaftliche
Neben-erwerb, bedeutete – wie auch in anderen Bereichen im benachbarten
Grolland – eine mühsame Knochenarbeit. Die stark tonhaltige Erde machte den
Gemüse-anbau zur Tortur. Gleichwohl gelang es den Bewohnern der Siedlung, ihr
Budget durch den Verkauf der Ernte auf dem Großmarkt am Grünenkamp etwas
aufzubessern. Wie auch viele andere Huchtinger erinnern sich die Kinder der
Erstsiedler am Heidelmannskamp dankbar an diese Möglichkeit.
Zwei katastrophalen Einwirkungen waren die Heidelmannskamper
besonders ausgesetzt. Da war zum einen der wegen der Flughafennähe vermehrte
Bomben-hagel im Krieg. Das drückt sich durch zahlreiche Bombentrichter in der
näheren Umgebung der Siedlung aus. Durchaus
willkommender Nebeneffekt: Viele Huchtinger haben die mit Wasser
vollgelaufenen Trichter im Winter als gute Eislaufmöglichkeit in Erinnerung.
Die kriegsbedingten Gebäudeschäden der Siedlung hielten sich jedoch in Grenzen.
Auch Menschenleben waren nicht zu beklagen.
Später setzte die Jahrhundertsturmflut des Jahres 1962 auch
den Heidelmanns-kamp größtenteils unter Wasser. Diese Ereignisse konnten die
sturmerprobten Siedler ebenso wenig erschüttern wie der Flugzeugabsturz drei
Jahre später nur wenige hundert Meter neben der Heidelmannskampsiedlung.
Da traf es die "Butenhuchtinger" dann schon
schlimmer, als feststand, dass sie 1967 und in den Folgejahren nunmehr
endgültig ihre Häuser räumen mussten. Sie waren zwar schon 1939 darauf
hingewiesen worden, dass der Flughafen irgenwann einmal seine Landebahn
verlängern und das Siedlungsgebiet in Anspruch nehmen würde. Doch es hat dann
ja noch 40 Jahre gedauert bis es ernst wurde und mit den Familien Handwerg und
Oestmann 1978 die letzten Siedler auszogen. So richtig verwunden hatten die
älteren Heidelmannskämper die Umsiedlung wohl nie, hing doch ihr ganzes Leben
hieran. So berichtet Linda von Oesen, geb. Oestmann, dass ihr Vater sich bis zu
seinem Tode standhaft geweigert habe, sein Haus aufzugeben.
Ernsthafte Proteste gegen die Flughafenpläne und die damit
verbundene Verlegung der Ochtum kamen von den Siedlern jedoch nicht. Der Abriss
der Häuser traf sie schließlich nicht unvorbereitet. Gleichwohl bleibe
festzustellen, so das Huchting-Archiv, dass die "Treibhaussiedler"
die Opfer einer städtebau-lichen Fehlentwicklung geworden waren. Dies sei von
den Behörden später auch offen eingestanden worden.
War den Siedlern bis zuletzt der Anschluss an Wasser- und
Kanalnetz verweigert worden, so wurde ihnen letztendlich im hohen Alter noch zugemutet,
"als alte Bäume noch einmal zwangsverpflanzt" zu werden.
Vorübergehend hatten noch ein Hundesportverein und 15
Kleingärtner einige Jahre am Heidelmannskamp ihr Domizil bis 1990 das neue
Ochtumbett die letzten Reste der Treibhaussiedlung wegspülte und im übrigen
auch dafür sorgte, dass Grolland von nun an nicht mehr links, sondern rechts
der Ochtum liegt.
Die Heidelmannskamper waren immer ein Völkchen für sich.
Aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage fühlten sie sich, obwohl formell zu Huchting
gehörig, weder als Huchtinger noch dem nahen Grolland verbunden. Dies ist wohl
auch mit ein Grund, dass die Kinder der ersten Siedler, die am Heidelmannskamp
groß geworden und heute alle schon im Rentenalter sind, sich alljährlich in
alter Verbundenheit regelmäßig treffen.
Eine solche Idylle abgeschiedenen Wohnens hat es danach in
Huchting nie wieder gegeben. Bleibt als Trost, so das Huchting-Archiv in seinem
Rückblick, dass die Huchtinger sich mit dem Park "Links der Weser"
ein nicht minder schönes Naturkleinod geschaffen haben. Hier haben sich wieder
Vogel- und andere Tierarten angesiedelt, die über Jahrzehnte nicht mehr zu
sehen waren.
Der ansonsten mit vielen Problemen behaftete Stadtteil
Huchting wird durch den Park "Links der Weser" so richtig aufgewertet
und macht ihn zu einem der landschaftlich schönsten Bereiche Bremens.