An dieser Stelle sollen in regelmäßigen Abständen Beiträge veröffentlicht werden, die einen Überblick über die geschichtlichen Ereignisse der nun schon 950 Jahre andauernden Existenz Huchtings verschaffen sollen. Eine chronologische Reihenfolge ist damit nicht verbunden.
Als die Postillione in Huchting "den Ton angaben"
Die Postkutschenzeit - wichtiger
Bestandteil der Huchtinger Geschichte
In unserer technisierten
Welt sind wir es gewohnt, Nachrichten und Waren innerhalb kürzester Zeit
von A nach B zu bringen. Eine Ware innerhalb von zwei Tagen in den Händen zu
halten, ist
durchaus kein zu hoher Anspruch. Wie beschwerlich dies noch
vor 150 Jahren gewesen ist,
können wir uns überhaupt nicht mehr
vorstellen.
Die Wegbereiter des
heutigen Postwesens waren die Boten, egal ob zu Fuß, beritten oder fahrend.
Die
Botschaften wurden sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert.Es war damals die Zeit
der Postreiter und
Postkutschen.
Die ersten Boten in Bremen,
die durch eine Urkunde vom 1. Oktober 1399 belegt sind, dienten
ausschließlich dem Staat und der Kirche. Daneben bauten die Kaufmannschaften ein
eigenes
Botenwesen auf.
Offensichtlich hatte Bremen zu dieser Zeit
den Straßenabschnitt zwischen dem
Warturm und
Huchting bereits gepflastert, denn
auf dem Heerweg Bremen - Delmenhorst hatte sich zu allen
Zeiten
ein beachtlicher Verkehr mit schreitenden, reitenden und fahrenden Boten
abgewickelt.
Die Grenzstation
Varrelgraben war über Jahrhunderte Zoll-, Wegegeld- und Poststelle. Die hier
verlaufenden Postlinien hatten durchweg nicht nur örtliche Bedeutung, es waren
vielmehr
internationale Verbindungen. Das ergab sich schon dadurch, dass der
Heerweg ein Abschnitt der Flämischen und der Friesischen Straße war. Die
Geschichte dieser Postlinien ist so auch
beachtliches Stück Huchtinger
Geschichte geworden.
Schließlich war der
Huchtinger Streckenteil seit 1650 ein Abschnitt
der Hamburg-Amsterdamer Börsenpost. Ab 1656 passierten hier auch die reitenden
Boten der Oldenburgischen Post Graf Anton-Günthers. Dann folgte ab 1660 bis in
den Anfang der dänischen Zeit die Reichspost um Thurn und Taxis.
In diesem Zusammenhang sei
einmal ein kurzer Blick auf die Postkutsche und den Postillion jener Tage
gerichtet. Das Delmenhorster Heimat-Jahrbuch 1929 zeigt uns das Bild einer solchen
Postkutsche. Solche Kutschen wurden „mit Vieren vom Bock" gefahren. Die Postillione mit ihren
eindrucksvollen Uniformen, Zylindern und Posthörnern bestimmten damals neben
den Zöllnern und Schmugglern das Bild der alten Straßenverbindung zwischen Delmenhorst
und Bremen.
Eineinviertel Stunden
Fahrzeit benötigte eine solche Postkutsche für die Strecke Delmenhorst —
Bremen, nachdem in den Jahren 1825 bis 1829 auch der Straßenabschnitt
Delmenhorst — Huchting mit Feldsteinen gepflastert worden war.
Zu unterhalten war die Straße von den Anwohnern. In
Unterlagen aus dem Jahre 1817 werden 23 Bauern und 24 Auflader aus Huchting
genannt, die Sand für den Unterhalt zu fahren bzw. zu laden hatten. Als
Pflastermaterial wurden gesammelte Feldsteine, kleine Findlinge, verwendet. In
einigen Abschnitten wurde die Strecke auch verlegt. So führte die alte Brücke
über die Varreler Bäke etwa 50 Meter unterhalb, d.h. nördlich der jetzigen über
das Gewässer. Die Grundpfeiler der alten Brücke waren bis vor wenigen Jahren noch
vorhanden.
Die Poststation
Varrelgraben hat also Postboten, Postreiter und Postfuhren vieler Herren und
Länder gesehen und damit immer einen Draht zur Welt von damals gehabt.
Betrachtet
man den vielfältigen Verkehr, der Varrelgraben passierte, so kann man nur mit
Erstaunen die Nachrichten über den Zustand des Heerweges vermerken. Er war
kaum besser als während des Mittelalters. 1671 berichtete Magnus von Hofften,
einer der damaligen Betreiber der Postlinien nach Oldenburg, dass „die
postknechte sich höchlig beschweren, dass der weck zwischen Delmhorst undt Varrelgraben absonderlich in der Iprumper Strahs so unbrauchbar, dahs nicht bey
Tag, geschweiche des nachts ohne Lebensgefahr mehr dadurch kommen
können". Auch nach Einrichtung der
Oldenburgischen fahrenden Post wurde der Straßenabschnitt zwischen Varrelgraben
und Warturm bei Dunkelheit nicht mehr befahren, weil man das Wasser, das den
Damm meistens umspülte, fürchtete. Die Reisenden mussten dann in der Gaststätte
Varrelgraben oder beim Warturm übernachten.
(Anmerkung
des Verfassers: Wer heute die Bremer Straße zwischen Huchting und Delmenhorst
befährt, kann den damaligen Zustand gut nachvollziehen, denn er sieht
linksseitig entlang der Bremer Straße in Höhe Iprump einen tiefgelegenen fast 1
km langen Sumpfgürtel. Nicht umsonst heißt heute eine der Straßen dort
"Iprumper Moor").
Ab 1844 wurde täglich
nach Bremen und Oldenburg gefahren. Die Postkutschenzeit hatte ihren Höhepunkt
erreicht. Vier Jahre später wurde die Strecke sogar zweimal täglich befahren.
Aber trotz dieses regen Betriebes ging anderthalb Jahrzehnte später dieses
Zeitalter zu Ende. Als 1867 die Bahnlinie Oldenburg—Bremen eröffnet wurde, da
wurde sehr bald der Postdienst auf der Straße eingestellt. Die Posthaltestelle
Varrelgraben wurde sogar im gleichen Jahr noch geschlossen.
Eine
neue Zeit war angebrochen, die alten Grenzen beseitigt und modernere
Verkehrsverbindungen geschaffen. Die Eisenbahnlinie Oldenburg — Bremen und die
1909/10 entstandene Duckwitzstraße quer durch Grolland ließen es auf der alten
Straße und am Warturm ruhiger werden.
Geblieben
ist bis in die heutige Zeit Huchtings exponierte Lage an einer der verkehrsreichsten Ausfallstraßen Bremens.
Überliefert
ist eine Anekdote aus der Postkutschenzeit. Die Großherzoglich Oldenburgische
Post hatte auf den Landstraßen die Vorfahrt. Alle Fuhrwerke und Passanten
mussten beim Klang des Posthorns die Straße freimachen. Als einmal eine
oldenburgische Kavallerie-Einheit aus dem Manöver kam, folgte ihr auf dem
Bremer Heerweg (der heutigen Huchtinger Heerstr.) im Trab die Postkutsche. Bei
Varrelgraben forderte der Postillon durch Hornsignal sein Recht auf der
Straße. Der kommandierende Rittmeister aber dachte nicht daran, seiner Truppe
den Befehl zum Freimachen der Straße zu geben. Der Postillion, ein alter
Kavallerist, wusste sich zu helfen. Er blies das militärische Trabsignal.
Sofort verfielen die Pferde der Truppe in Trab. Dann aber blies er das Signal
Attacke und die wilde Jagd ging los. Erst vor dem Bremer Tor in Delmenhorst konnte
der Rittmeister seine Truppe wieder zum Stehen bringen. Die Postkutsche hatte
freie Fahrt. Das gab ein großes Schmunzeln im Großherzogtum und der pfiffige
Postillion wurde sogar von seinen Vorgesetzten belobigt.
Eine
wichtige Grundlage für diesen Artikels war das "Buch über Hasbergen"
von Kurt Müsegades, einem Delmenhorster Hobbyhistoriker.
Darüber
hinaus waren Aufzeichnungen von Marie Fitger, einer Tochter des Delmenhorster
Posthalters Fitger, hilfreich.
Wer
über weitere Aufzeichnungen aus der Postkutschenzeit verfügt, möge sich doch
bitte mit dem Huchting-Archiv unter der Tel-Nr. 0421 / 585899 in Verbindung
setzen.
Peter Koppo
(Diese Serie wird im Rahmen der regelmäßigen Aktualisierung der Homepage fortgesetzt)